Simone de Beauvoir

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Weitere Informationen zu Simone de Beauvoirs Leben befinden sich im Autorenportrait

Simone de Beauvoir ( 1908 - 1986 ) war eine französische Schriftstellerin und Philosophin. Sie gilt als eine der wichtigsten Vordenkerinnen der europäischen Frauenbewegung.

Inhaltsverzeichnis

Existentialismus

„Der Mensch ist, wozu er sich macht. Das ist der Grundsatz des Existentialismus.“ (Sartre: 1970:11)

Simon de Beauvoir und Jean Paul Sartre entwarfen gemeinsam die Philosophie des Existentialismus, die sich zentral mit den Begriffen Existenz und Freiheit auseinandersetzt und mit welcher sich die Nachkriegsgeneration identifizieren konnte.

Jean Paul Sartre und der Existentialismus

Jean Paul Sartres Hauptwerk Das Sein und das Nichts (L‘ être et le néant, 1943) gilt als theoretisch-philosophisches Fundament des Existentialismus. Er wendet sich in seinem Werk insbesondere gegen die Tradition einer determinierten menschlichen Natur, eine Vorstellung, die dem Individuum seiner Ansicht nach fälschlicherweise von der Gesellschaft aufgebürdet wird. „Sartre lehnte jede Art von Essentialismus des Ich ab, das heißt, er leugnet die Existenz eines Ich als das Zentrum und den Ursprung für das Bewusstsein des Subjekts“ (Schumacher 2003:6). Das Ego eines Menschen lasse sich nicht in dessen Innersten finden, sondern sei vielmehr das Resultat von Vorstellungen, die das Individuum selbst über sich habe, beziehungsweise die andere Subjekte von ihm haben. Daher entwickelte Sartre im Rahmen seiner Theorie des authentischen Humanismus die These, dass der Mensch kein bestimmtes Wesen habe, das ihn bereits von vornherein festlege. Grundlage der Philosophie bildet die Annahme, dass die Existenz der Essenz (dem Wesen des Menschen) vorausgehe. „Das Wesen kommt bei der menschlichen Realität nach der Existenz.“ (Sartre 1993:811) Die Existenz des Menschen, die sich letztlich als „nutzlose Passion“ (Sartre 1993:1052) entpuppt, bilde sich also im Verlauf seiner ganzen Existenz in dem Maße, indem er sich seiner Freiheit bediene und seine Existenz selbstbestimmt und eigenverantwortlich ausgestalte.

„Wenn die Existenz dem Wesen vorausgeht, das heißt, wenn die Tatsache, dass wir existieren, uns nicht von der Notwendigkeit entlastet, unser Wesen erst durch unser Handeln zu schaffen, dann sind wir damit, solange wir leben, zur Freiheit verurteilt.“ (Sartre)

Sartre betrachtete die Freiheit folglich als Ursprung der menschlichen Natur, ja verlieh ihr sogar den Vorrang vor dieser Natur, der auch sie wiederum vorliegt. Auf diese Weise versuchte er die Determinismustheorien zu widerlegen und seine Philosophie der Freiheit zu unterstreichen. Es liege allein in der Verantwortung eines jeden Individuums einen entsprechenden Entwurf seiner Existenz zu entwickeln so Sartre. Seine Freiheitsphilosophie verlangt dem Subjekt dementsprechend im alltäglichen Tun und Handeln ein hohes Maß an Eigenverantwortlichkeit und Authentizität ab. So erklärte er: „Der Mensch ist nichts anderes als das, wozu er sich macht. […] Der Mensch ist zunächst ein sich subjektiv erlebender Entwurf […] nichts existiert vor diesem Entwurf […] und der Mensch wird zuerst das sein, was er zu sein entworfen haben wird“ (Schumacher 2003:14-15). Bezogen auf die menschliche Existenz bedeutet dies, dass Sartre innerhalb seines Existentialismus keine allgemeine metaphysische Wesensbestimmung des Menschen mehr entwickeln wird, die den Menschen der Möglichkeit individueller Selbstbestimmung und somit seiner Freiheit beraubt, sondern stattdessen eine Freiheitsphilosophie konzipiert, die den Einzelnen nicht bereits im Vorhinein determiniert. Indem Sartre Determinismus und eine gegebene menschliche Natur gleichsetzt postuliert er,dass ein Mensch entweder in völliger Freiheit oder vollkommen determiniert lebe. Alternative Möglichkeiten schließt er konsequent aus: „Der Mensch kann nicht bald frei und bald Sklave sein: Er ist gänzlich frei und immer frei, oder er ist es nicht“ (Sartre 1993:766). „Nur wer hinsichtlich seiner Natur vollständig undeterminiert ist, kann wirklich frei sein.“ (Schumacher 2003:14)Sartres Ziel war es also, das menschliche Bewusstsein von allem zu befreien, was im entferntesten Sinne an einer Art „innerstem Kern, einem transzendentalen Subjekt oder einer kartesianischen Substanz ähnelt.“ (Schumacher 2003:6)

Simone de Beauvoir und der Existentialismus

Simone de Beauvoirs Hauptwerk „Das andere Geschlecht“ bildet zugleich ihren bedeutendsten Beitrag zum Existentialismus, den sie gemeinsam mit ihrem „Lebenspartner“ Jean Paul Sartre entwarf. In ihrem Werk analysiert sie die historische und gesellschaftliche Situation der Frau aus existentialistischer Perspektive. De Beauvoir erkennt in diesem Zusammenhang: „Man wird nicht als Frau geboren, man wird es.“ (De Beauvoir 1951:334) Die Philosophin ist (ebenso wie Sartre) überzeugt, dass weder biologische, noch psychische oder ökonomische Bestimmungen die Gestalt, die ein weibliches Subjekt innerhalb gesellschaftlicher Strukturen annimmt, determinieren. Auf diese Weise behauptet sie, ohne die Existenz von „genetischen, endokrinen und anatomischen Unterschieden zu verleugnen“ (De Beauvoir 1951:321), dass es sich bei den meisten und gravierendsten Differenzen zwischen Männern und Frauen um kulturelle und gesellschaftliche Konstruktionen und nicht um eine Naturgegebenheit handle (De Beauvoir 1951:321). Davon ausgehend, dass keinerlei Essentialismus oder Determinismus des Ich existiere, untersucht Simone de Beauvoir, wie die Frau und das Weibliche als „das Andere“ gesellschaftlich konstruiert und auf diese Weise zur „Immanenz verdammt“ werden. De Beauvoir ist der Überzeugung, dass das Freiheitsstreben der Frau solange unerfüllt bleibe, bis sie aus ihrer Subjektivität heraustrete. "Die einzige Möglichkeit, sie authentisch zu erfüllen, wäre die, sie durch positives Handeln in die menschliche Gesellschaft hinein zu entwerfen." (De Beauvoir 1951: 840)Sie betrachtet die unabhängige Frau als die einzige, die über den Weg der finanziellen Unabhängigkeit auch diese Freiheit erlangen könne. Dabei ist es, zufolge de Beauvoir, von elementarer Bedeutung, dass die Frau arbeite, um auf diese Weise einen großen Teil der Distanz zum männlichen Geschlecht zu überwinden; denn ausschließlich die produktive Arbeit in der und für die Gesellschaft könne der Frau eine konkrete Freiheit garantieren. "Sobald [die Frau] aufhört, als Parasit zu leben, bricht das auf ihrer Abhängigkeit beruhende System zusammen" (De Beauvoir 1951: 841), sodass sie als selbstständiges, in Freiheit lebendes Subjekt innerhalb der Gesellschaft existieren kann.

Standpunkt der Frau und Gesellschaftskritik

In ihrem 1951 verfassten Werk „Das andere Geschlecht“ nimmt Simone de Beauvoir eine umfassende Standortanalyse der Frau in der Gesellschaft vor. In ihrem sehr umfangreich recherchierten Werk betrachtet Simone de Beauvoir zunächst ausgehend von der Frage „Was ist eine Frau?“ (De Beauvoir 1951:27) das Konzept der Frau aus den Perspektiven der Biologie, der Psychoanalyse und des Historischen Materialismus. Sie stellt fest, dass keine wissenschaftliche oder physiologische Betrachtung die Unterdrückung der Frau in der patriarchalen Gesellschaft erklären könne (De Beauvoir 1951:85). Vielmehr sei „…die Entwertung der Weiblichkeit […] eine notwendige Etappe der menschlichen Evolution, die aber auch zu Zusammenarbeit beider Geschlechter hätte führen können“ (De Beauvoir 1951:885) gewesen.

Die Unterdrückung und Abwertung der Frau in der Gesellschaft bestehe schon seit den Anfängen des Patriarchats, ziehe sich durch die gesamte Geschichte (De Beauvoir 1951:86-190) und rühre daher, dass Frauen von den physisch überlegenen (De Beauvoir 1951:179) Männern zum „anderen Geschlecht“ (De Beauvoir 1951) gemacht würden. Indem der Mann, der sich behaupten wolle, sich selbst als das Wesentliche, das Subjekt setze, setze er die Frau als das Andere, das Objekt: „Sobald das Subjekt sich zu behaupten sucht, braucht es das Andere, das es begrenzt und negiert: nur über diese Realität, die nicht es ist, gelangt es zu sich selbst.“ (De Beauvoir 1951:190). Die Frau werde also immer in Abhängigkeit vom Mann definiert.

Hieraus folge, dass ein „Austausch von zwei Objekten gleicher Güte“ (De Beauvoir 1951:889) zwischen Mann und Frau nicht möglich sei. Die Frau sei für den Mann ein kleiner Teil seiner Existenz, während er für sie die Rechtfertigung ihrer Existenz darstelle: „Sie ist nur ein Element in seinem Leben, während er ihr ganzes Leben ist“ (De Beauvoir 1951:762).

Ihre Rolle werde der Frau schon von klein auf anerzogen: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.“ (De Beauvoir 1951:334). Die Mädchen lernten, sich, um zu gefallen, zum Objekt zu machen, was dazu führe, dass sie zunehmend auf ihre Subjektivität verzichten müssten (De Beauvoir 1951:348). Hier wird der Grundstein für die spätere Zerrissenheit der Frau gelegt: „Fest steht, dass es heute für Frauen sehr schwierig ist, gleichzeitig ihr Sein als autonomes Individuum und ihr weibliches Schicksal auf sich zu nehmen.“ (De Beauvoir 1951:329).

Bereits in der Erziehung werde der „Mythos“ der Frau und des Weiblichen vermittelt, in dem das Weibliche mit Schönheit, Geheimnis, Poesie, aber auch mit Immanenz und Unterordnung gleichgesetzt werde. Der Mythos diene den Männern dazu, ihre Privilegien zu begründen und deren Missbrauch zu rechtfertigen (De Beauvoir 1951:321).

Die Frau könne auf die Unterdrückung, die Simone de Beauvoir in den Bereichen Erziehung, Ehe, Mutterschaft, gesellschaftliches Leben und Alter aufzeigt, auf verschiedene Art und Weise reagieren. Hierzu gehöre zum Beispiel der Versuch, den Mann mit sich ins Gefängnis der Immanenz zu ziehen um seine Überlegenheit zu zerstören, was zu einem permanenten Kriegszustand führe (De Beauvoir 1951:883). Heute tendierten die Frauen jedoch dazu, ihrem Gefängnis entfliehen zu wollen. Auch dies führe zu einem Streit, da bei diesem Aufeinanderstoßen zweier Transzendenzen jede Freiheit die andere beherrschen wolle (De Beauvoir 1951:884).

Die einzige Lösung für die beschriebenen Probleme sei die absolute Gleichstellung beider Geschlechter. „Der Streit wird andauern, solange Mann und Frau sich nicht als Gleiche anerkennen, das heißt, solange die Weiblichkeit als solche bestehen bleibt.“ (De Beauvoir 1951:885).

Die beschriebene Situation könne und werde sich jedoch ändern. Der erste und unabdingbarste Schritt, der getan werden müsse, um die bestehenden Verhältnisse zu ändern, sei die ökonomische Unabhängigkeit der Frau. Hierbei betont Simone de Beauvoir, dass es mit einem „Nebeneinander von Wahlrecht und Beruf“ (De Beauvoir 1951:842) jedoch nicht genug sei, da die meisten Arbeiter ihrerseits Ausgebeutete seien. Allein in einer sozialistischen Welt könne die ökonomische Unabhängigkeit realisiert werden (De Beauvoir 1951:842). Weiterhin müssten ebenso auf ethischer, kultureller, gesellschaftlicher, sexueller und weiteren Ebenen Umwälzungen stattfinden. Dies könne nur in Form einer „kollektiven Evolution“ (De Beauvoir 1951:892) geschehen, die die Gleichstellung der Geschlechter auf allen Ebenen einschließe.

Bedeutung

Simone de Beauvoir verlässt mit ihrer kritischer Analyse über die gesellschaftliche Situation der Frau in ihrem Werk "Das andere Geschlecht" (1951) die Defensive und bricht somit die Tradition. Mit ihrer Beschreibung der Lage der Frau stellte sie ein kollektives Schicksal dar, was eine öffnende Qualität für spätere Emanzipationsbewegungen zur Folge hatte. So wurde das Andere Geschlecht zur Inspiration für neue Frauenbewegungen, wobei insbesondere die Auswirkungen und Einflüsse auf die Zweite Frauenbewegung und auf den radikalen Feminismus betont werden. Ab 1965 bezeichnete sich Beauvoir selbst als radikale Feministin (Raynova 2004: 223).

Ihre philosophische Eigenständigkeit wurde in den vergangenen Jahrzehnten verstärkt deutlich gemacht. Nicht nur aufgrund ihrer vorangegangenen handschriftlichen Tagebuchaufzeichnungen über die Grundzüge des Existentialismus im Jahre 1927, sondern auch bezüglich ihrer Beeinflussung der Philosophie Sartres mit ihrer Theorie der Unterdrückung. Diese gehen auf die Thesen des Schriftstellers und Menschenrechtsaktivisten Richard Wright zurück (Raynova 2004: 224).

Moser sieht in Beauvoirs existentialistischer Perspektive in „Das andere Geschlecht“ eine Verbindung zwischen Moderne und Postmoderne, die einerseits mit einem Blick zurück eine Kritik an den Geschlechterverhältnissen und den Ideologien der Moderne ist und andererseits zukunftsorientiert Visionen von Machbarkeit und Möglichkeiten beinhaltet, welche keine andere Grenze als die der Freiheit inne haben (Moser 2002: 245). Das Andere Geschlecht soll nach Moser als Aufruf zu aktiven Engagement verstanden werden. Die Frauen sollen sich ihrer speziellen Situation bewusst werden und diese durch ihr autonomes Selbst überwinden (Moser 2002: 244).

Raynova stellt die Bedeutung des Transzendenzbegriffes für das theoretische Verständnis des Anderen Geschlechts und insbesondere Beauvoirs Anwendung des Begriffes bezüglich einer existentiellen sowie gesellschaftlich-sozialen und ethischen Hinsicht als bleibende Relevanz heraus (Raynova 2004: 225).

Judith Butler kritisiert in ihrem Werk "Das Unbehagen der Geschlechter" (1991)Beauvoirs Darstellung der Geschlechterverhältnisse und macht deutlich, dass "Macht weit mehr ist als ein Austausch zwischen Subjekten oder ein ständiges Umkehrverhältnis zwischen dem Subjekt und dem/r Anderen(Butler 1991)". Butler definiert Macht in der Herstellung einer äußeren Form, die das geschlechtsspezifische Denken und Handeln bestimmt. Die Frage nach einer heterosexuellen Matrix, die das Subjekt und "das Andere" produziert (Butler 1991).

Quellen

De Beauvoir, Simone (1969) : Memoiren einer Tochter aus gutem Hause, Hamburg, Rowohlt Verlag GmbH.

De Beauvoir, Simone (1951): Das andere Geschlecht: Sitte und Sexus der Frau, Hamburg: Rowohlt Verlag GmbH.

Nohlen, Dieter;Schultze, Rainer-Olaf (2010):Existentialismus,in: Lexikon der Politikwissenschaft, München: C.H.Beck oHG Verlag, 240-242.

Gleichauf, Ingeborg (2007): Sein wie keine andere, Simone de Beauvoir - Schriftstellerin und Philosophin, München: dtv

Redolfi, Esther (2009): Simone de Beauvoir und der Feminismus, Norderstedt: GRIN Verlag.

Sartre, Jean Paul (1970): Ist der Existentialismus ein Humanismus? (frz. zuerst 1946),in: ders.: Drei Essays,Ffm. u.a., 7-51.

Sartre, Jean Paul (1993): Das Sein und das Nichts. Versuch einer phänomenologischen Ontologie, Hamburg: Rowohlt Verlag Tb.

Schumacher, Bernard (2003): 1. Philosophie der Freiheit: Einführung in Das Sein und das Nichts. Jean-Paul Sartre: Das Sein und das Nichts: 1-19.

Raynova, Yvanka B. (2004): Simone de Beauvoir: 50 Jahre nach dem Anderen Geschlecht, 2. Aufl., 5. [Druck]. - Frankfurt am Main [u.a.] : Lang.

Moser, Susanne (2002): Freiheit und Anerkennung bei Simone de Beauvoir, Tübingen : Ed. diskord.

Butler, Judith (1991): Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag

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