Zwei-Reiche-Lehre

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Die Zwei-Reiche-Lehre Luthers

Begriff

Der Begriff "Lehre von den zwei Reichen" für Luthers strikte Abtrennung von weltlicher Obrigkeit und dem Reich Gottes wurde erst von Karl Barth in den 20er Jahren geprägt. Luther selbst sprach von den zwei "Regimentern". Er betrachtete den geistlichen Stand als keine weltliche Instanz und sprach nicht umsonst in seinem Werk "An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung" (1520) vom allgemeinen Priestertum (auch Priestertum aller Gläubigen). Nur grob angelehnt an Augustins "civitas dei" und "civitas terrena", zeichnet im Buch "Von weltlicher Obrigkeit einen starken Gegensatz zwischen dem "linken" und dem "rechten Reich Gottes". Dies widerspricht deutlich dem mittelalterlichen Dualismus zwischen dem Reich Gottes (Jenseits) und dem Reich des Teufels (Diesseits), der auf dem augustinischem Ansatz beruhte.

Theologische Begründung in "Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei" (1523)

Luther zufolge bezeichnet das rechte Reich Gottes die Herrschaft Christi durch "Wort und Sakrament" (RGG S.1946), alle Christen seien gleichgestellt, Gnade und Frieden wären durch die Regeln der Bergpredigt (Math. 5) die Grundlage einer harmonischen Gemeinschaft. Das rechte Reich Gottes ist ewig, es beginnt erst wirklich nach der Apokalypse, existiert aber bereits in den Christen. Das Reich zur Linken hingegen ist das Herrschaftsgebiet des Kaiser, der mit Gewalt und nicht mit dem Evangelium regiert ("vi, non verbo" RGG S.1947). Er soll die Ordnung unter den Heiden mit Gerechtigkeit (nicht mit Vergebung!) und "Billigkeit" (angemessenes Auslegen der Gesetze] herstellen, Christen bedürfen dieser Ordnung nicht, sind aber durch das Gebot der Nächstenliebe miteingebunden. Das linke Reich ist endlich, es soll den Weg bereiten für das rechte Reich. Aber Luther zeigt auch die Verbindungen zwischen beiden Reichen auf. Das weltliche Reich begünstigt duch Frieden und Ordnung die Verkündung des Evangeliums, es "dient dem geistlichen Reich" (RGG S.1947). Die sozialen Institutionen des linken Reichs (Familie, Ehe, Wirtschaft,...) sollen erst wirklich durch die Liebe Christi (die Botschaft des rechten Reiches) funktionieren. Aber immer wieder betont Luther die obrigkeitsstaatliche Bindung aller Christen und Heiden (nach Röm. 13,1), was in späteren Jahrhunderten immer wieder propagandistisch ausgenutzt wurde.

Historische und politische Konsequenzen

Die obrigkeitsstaatliche Bindung aller Christen wurzelte zunächst im System der evangelischen Landeskirchen, die vom Fürsten des jeweiligen Landes als Oberhaupt geleitet wurden. Nach dem Augsburger Religionsfriede 1555 wurde der Leitsatz „cuius regio, eius religio“ (wessen Land, dessen Religion)zur Triebfeder der geistlichen und weltlichen Leitung in der Hand des evangelischen Fürsten. (Obwohl Luther zeit seines Lebens sich strikt gegen eine Einmischung der Obrigkeit in die religiöse Sphäre ausgesprochen hatte!) Nach dem Ende des System 1918, der Umstrukturierung in der Weimarer Republik und der Spaltung im Dritten Reich wurde die Absolutheit von Luthers Staatsauffassung in der Evangelischen Kirche erneuert thematisiert, im Hintergrund der politischen Katastrophe zwischen 1918 bis 1945. Schon Karl Barth sprach sich in den zwanziger Jahren lieber für eine "Königsherrschaft Christi" aus und lehnte die Zwei-Reiche-Lehre ab. Ein oft genannter Kritikpunkt ist vor alllem die allmächtige Herrschaft Gottes und die daraus abzuleitende These, dass alle Bereiche des Lebens diesen beiden Machtsphären unterworfen sind. Dieses Aussage führt unweigerlich in einen Konflikt mit den modernen Konzepten der Aufklärung, Religions- und Meinungsfreiheit. Viele konservative und nationalistische Publizisten machten sich diese Totalität zu nutze, viele sprachen von einer "Ahnenlinie Luther-Bismarck-Hitler" (RGG S.1947). Nach 1945 begannen die Bestrebungen, den Begriff aus seiner ideologischen Vereinnahmung zu lösen und im historischen und theologischen Licht neu zu betrachten.

Quellen

Kurt Galling (Hrg.): Die Religion in Geschichte und Gegenwart. Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft, Band VI 3. Auflage, J.C.B.Mohr Tübingen 1962

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